Letzte Woche Freitag

Du hast keine Idee, wie der Text aussehen soll, den Du einreichen kannst? Hir ist ein Beispiel, wie so ein Text sein kann, die Kurzgeschichte "Letzte Woche Freitag" von Thomas Sabottka.

Letzte Woche Freitag

Letzte Woche Freitag haben sie mir die Tür eingetreten. Morgens. Gegen halbsechs. Muss ihnen irgendjemand erzählt haben, dass ich da noch im Bett liege, also erreichbar bin. Mir wäre es lieber gewesen, sie wären zu einem Zeitpunkt gekommen, wo ich nicht zu Hause war, um wenigstens einem Teil, der nun folgenden Ereignisse, temporär zu entkommen.
Bevor ich überhaupt registrieren konnte, was geschah, nagelte mir einer von den Typen regelrecht ein computerausgedrucktes, mit beeindruckenden Stempeln versehenes A4 Blatt an die Stirn. Währenddessen, waren die anderen vier schon damit beschäftigt, meine Schubladen aufzureißen, die Wäsche es dem Schrank zu holen, meinen Laptop abzustöpseln und meine CDs, DVDs und Papiere in große Umzugskartons zu packen.
Für einen Moment dachte ich, dass ich Katrin diese Nummer zu verdanken habe. Was einem in solchen Momenten nicht alles durch den Kopf geht? Katrin, meine Ex. Mit der ich, auf überhaupt nicht subtile Art und Weise in meinem letzten Werk abgerechnet habe. Ich habe jede Kleinigkeit ihres Wesens, ihres Körpers, ihrer Charakterzüge beschrieben, um sie ganz genüsslich vorzuführen, mit ihr abzurechnen, mich an ihr zu rächen. Natürlich habe ich den Namen geändert. Aber wer weiß: Vielleicht ist ihr neuer Typ ja Anwalt und kennt sich in Persönlichkeitsrecht besser aus als ich.
Fragen stellten mir diese Typen nicht. Sie erklärten auch nichts. Sie forderten mich nur auf mit ihnen mit zu kommen. Nun, hat auch meine Mutter mir jahrelang erklärt, dass ich nie mit fremden Männern mitgehen soll, aber im Angesicht von Uniformen, Maschinenpistolen und einem höchstrichterlichen Durchsuchungsbefehl, verblassen solche Erziehungsmaßnahmen recht schnell.
Ein süffisant wissender Blick, beim Betrachten des Schubladeninhaltes, mit meinen Sexspielzeugen. Ich wünschte mir, die Beamten wären so ausdruckslos gewesen, wie in Filmen. Aber sie waren es nicht. Sie packten sogar meine Reinigungs- und Putzmittel in einen Karton. Das Ganze dauerte vielleicht eine Stunde, dann saß ich, in Handschellen, völlig übermüdet und wie zerschlagen, in einem Mannschaftswagen und begriff langsam, dass es kein schlechter Traum war. Und vor allem: Dass ich nicht so schnell zu meinem Morgenkaffee kommen würde.
Hakan hatte mich gewarnt. Immer schon. Ich habe ihn aber für einen Paranoiker gehalten. Hakan arbeitete in meiner Stammkneipe und Hakan hatte kein Internet, weil er meinte, dass die Typen ihn dann gleich kriegen würden.
Nun, ich hatte Internet und mich hatten die Typen gleich gekriegt.
Die nächsten Stunden stellten sie mir Fragen, die ich nicht begriff und dementsprechend nicht beantworten konnte. Da nützte es auch nichts, dass sie die Fragen ständig wiederholten. Dass die Fragen von verschiedenen Beamten, in verschiedener Intonation gestellt wurden. Ich war müde, ich stank wahrscheinlich nach Alkohol und Zigaretten, ich musste aufs Klo, ich wollte schlafen, ich wollte meine Ruhe haben, ich wollte einen Kaffee... aber ich sollte Fragen beantworten.
Sie zeigten mir Dateien von meiner Festplatte. Zeigten mir Seiten im Internet, die ich mir angeschaut habe. Zeigten mir Aufnahmen von Überwachungskameras. Wie ich mit einem Koffer zwei Stunden lang über den Hauptbahnhof hin und her gelaufen bin.
Mein Zug hatte Verspätung und ich bin ein sehr nervöser Mensch. Ich laufe dann immer hin und her.
Sie spielten mir Tonaufnahmen von Gesprächen zwischen Hakan und mir vor. Gesprächen, die man kaum verstehen konnte, da es in der Kneipe einfach immer zu laut war.
Und dann begann das Ganze wieder von vorn. Erst die Fragen, dann zeigten sie mir Sachen, während mit der Kopf immer wieder auf die Tischplatte sackte. Und immer so weiter.
Ich begriff trotzdem nicht, was sie von mir wollten. Begriff nur, dass sie mich offenbar seid einigen Wochen komplett überwacht hatten.
Das konnte dann nichts mehr mit Katrin zu tun haben. Die Hoffnung, dass es sich um einen bescheuerten Scherz, einer noch bescheuerteren Fernsehsendung handelte, schminkte ich mir ab, als sie mich einem Untersuchungsrichter vorführten. Da waren schon sehr viele Stunden verstrichen, ich fühlte mich wie ein feuchter Scheuerlappen, der im Bad hinter der Toilette vor sich hinschimmelte, aber in der Zelle konnte ich endlich ein paar Stunden schlafen.
Wahrscheinlich war das in Anbetracht meiner Situation Zeitverschwendung. Ich hätte lieber Gegenstrategien entwerfen sollen. Aber dazu war ich zu müde. Stattdessen starrte ich ein paar Minuten auf die schallisolierende, abblätternde Farbe und schlief ein.
Als wach wurde, gab es zu essen und zu trinken. Der Kaffee war erbärmlich, aber ich trank ihn dennoch. Danach kam ich in einen kargen Raum, mit einem Schreibtisch und einem Typen, der sich als mein Anwalt vorstellte. Ich weiß nicht, ob er ein guter Anwalt war. Im Grunde genommen erzählte er genau das selbe wie die Beamten und der Richter, nur dass ich ihn besser verstand. Besser fühlen tat ich mich dadurch aber nicht.
Hakan und ich, haben in den letzten Wochen immer wieder laut darüber nachgedacht, was einen jungen, gebildeten Mann, der in diesem Land geboren und aufgewachsen ist, der gutbezahlte Arbeit hat, dazu bringen könnte, in die Fänge islamischer Hassprediger zu laufen und sich den Sprengstoffgürtel umzuschnallen. Das Thema hatte mich so sehr interessiert, dass ich angefangen hatte im Internet zu recherchieren. Ich hatte mir dementsprechende Dateien auf dem Laptop angelegt, eine Art Expose, an dem ich arbeiten wollte. Vielleicht würde mein nächster Roman so etwas in der Richtung werden. Vielleicht verspürte ich das Bedürfnis, als Autor etwas politischer zu werden. Über Sicherheitsfragen, bürgerliche Freiheit, Demokratie, Terrorbedrohungen, Meinungsfreiheit und solchen Kram nachzudenken. Ich weiß es nicht.
Mein Expose zeigte den sehr detaillierten Verlauf eines Terroranschlages, von der ersten vagen Idee, eines gar nicht mal so sehr verblendeten Fundamentalisten, bis hin zur Ausführung. Mit all den Argumenten, die solche Leute verwenden und die man auch im Internet finden kann. Ein genauer Zeitplan. Mit allen logistischen Einzelheiten und Gedanken, die es zu berücksichtigen galt, damit die Geschichte, damit die Figur, dreidimensional, glaubwürdig wird. Ein wenig hatte ich auch auf den deutschen Terrorismus der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück gegriffen.
Es war wahrscheinlich doch meinem Anwalt zu verdanken, dass ich aus der Nummer halbwegs unbeschadet wieder rauskam. Unbeschadet, wenn man mal von dem Chaos in der Wohnung oder den schiefen Blicken der Nachbarn absah. Der Tatsache, dass die staatlichen Organe jetzt wussten, dass ich drei verschieden große Dildos besaß. Dass ich Kataloge diverser Anbieter solcher Versandhäuser mein Eigen nannte. Dass sie meine Ess- und Trinkgewohnheiten, meine Lieblingstoilettenpapiermarke und meine Zigarettensorte kannten. Anhand der Tabletten wussten sie auch von meinem Magenproblem. Sie wussten auf welchen Pornoseiten ich im Internet surfte. Dass sie auch wussten, dass ich darauf stand, mich von Katrin ans Bett fesseln zu lassen, auch wenn das jetzt schon eine Weile her war. Und dass Frau Warchowski aus dem ersten Stock gemeint hatte, dass ich ein sehr netter, höflicher, junger Mann sei, der öfter mal für sie einkaufen gegangen war. Dass ich regelmäßig bei Hakan an der Bar saß und mich mit Wodkalemon zu kippte. Hakan hatten sie nämlich auch verhaftet. Hakan hatte natürlich keine Dateien auf dem Rechner, da er ja auch gar kein Internet hatte. Hakan war in diesem Land geboren und hatte eine Moschee nicht häufiger von Innen gesehen, als ich. Vor allem hatte er auch nichts weiter dazu beigetragen, den Strafbestand einer „Verschwörung“ zu erfüllen, als sich mit mir zu unterhalten.
Der Anwalt, den sie mir zugeteilt hatten, war gar nicht so schlecht gewesen. Das erfuhr ich an dem Tag, als sie mich dann doch endlich entließen. Aber mit der Verwarnung, dass sie meine Daten nicht löschen und mich durchaus im Auge behalten würden. Schließlich haben die Kameras eindeutig bewiesen, dass ich schon mal betrunken nach Hause getaumelt bin und dass ich der war, der vor zwei Wochen braune Bierflaschen in den Weißglascontainer geworfen hatte. Wer also einmal auffällig geworden sei...
Am Nachmittag vor meiner Entlassung, sprengte sich ein achtzehnjähriger Australier, der nur für drei Semester als Austauschstudent in Geologie hier weilte, am Hauptbahnhof in die Luft. Er hatte keinen Koffer bei sich. War auch vorher nie auffällig geworden. Keine religiösen Motive. Sachschaden in Millionenhöhe. Mehrere Verletzte und leider auch Tote. Vor allem wurden etliche der Überwachungskameras zerstört. Wie sich später herausstellen sollte, war er nicht damit klar gekommen, dass eine Studentin von ihm nicht mehr wollte, als den One-Night-Stand nach der letzten Semesterparty. Sie war zu diesem Zeitpunkt in ihren Regionalzug gestiegen um nach Hause zu fahren. Er saß zwei Bänke hinter ihr.
Hakan gab mir freundlich, höflich, zurückhaltend, aber dennoch sehr bestimmt zu verstehen, dass ich nicht mehr in die Kneipe kommen sollte.
Ich begann meinen vierten Roman zu schreiben, der sich damit beschäftigte, dass ich eigentlich immer noch nicht darüber hinweg war, dass Katrin mich verlassen hatte. Und vor allem auch immer noch nicht begriff warum.
Warum?
WARUM?

Dieser Text ist auf dem kommenden Hörbuch "Rock'n'Roll Stories" von Thomas Sabottka zu finden. Mehr Infos gibt es hier.

Dieser Text obliegt dem Urheber- und Verwertungsrecht von Thomas Sabottka. Nachdruck in jeglicher Form, auch zu Rezensionszwecken, nur mit Genehmigung des Autors.