Was nun? von Tim Schätzke

„Wir sprengen sie in die Luft“, sagte Olaf und schlug mit dem Handrücken in seine flach ausgebreitete Hand. Es war ein kalter Herbstabend und wir saßen in der Werkstatt meines Vaters. Fünf Männer auf Stühlen. Ein Kreis – alle großen Männer saßen im Kreis, zum Beispiel König Arthur, alle momentan großen Männer drehen sich nur in diesem – der an diesem Abend seinen Anfang fand. Olaf, Jürgen, Christian, Ralf und ich. Olaf hatte noch ein bisschen Graß aus Eigenanbau dabei und Jürgen hatte eines seiner genialen grünen Kunstwerke gebaut. Die Neonröhre beleuchtete den jahrhundertealten Raum. Früher wurden hier Schränke und Tische gebaut, heute Tüten. Der Ofen bollerte vor sich hin, so als ob nichts anstünde.
„Und was machen wir dann?“, erwiderte Ralf, „wie stellst du dir vor, soll dann der Rest unseres Lebens aussehen? In ein und derselben Schule sollen wir diesen Sommer unser Abi machen.“
„Plakate“ schoss aus mir heraus. Olaf sah mich verdutzt an, „Wie originell“. „Der Laden wird am Donnerstag eingeweiht. Da sind mehrere hundert Leute“. Christian nutzte meine Redepause um die Idee auszubauen, „Und vor Allem auch hohe Tiere aus dem Kreis und die Presse. Besser können wir uns nicht Publik machen“.

„Und wenn wir erwischt werden? Die werfen uns aus der Schule“, wollte Ralf bedacht wissen. „Uns wird niemand erwischen.“ Konterte ich. „Warum?“ „Weil wir die Plakate schon in der Nacht vorher aufhängen.“ „Und wie bekommst du die runter? Die hängen die doch vorher ab.“ Jürgen nahm einen tiefen Zug seines Kunstwerkes „Wir brauchen einen Auslöser, nen Zünder oder so was“ er blies eine große weiße Wolke aus. „Ja“, viel ich ein, „ wir nehmen einfach ne Angelschnur und verlegen die um die Ecke an die Bushalte, da sieht uns keiner, wenn wir das Ding auslösen.“ „Und das Ding löst sich auch net aus“, brummte Ralf.
Christian blickte leer in den Raum: „Ne Kerze, son ewiges Licht oder so.“ Wir sahen ihn verwundert an. „Ja ne Kerze, da binden wir die Schnur drum und wenn se weit genug runter gebrannt ist, brennt die Schnur durch und das Ding hängt.“
Ralf schien die Idee zu gefallen. „Und dann stellen wir noch mehr Kerzen auf, damit die eine gar nicht auffällt. Und auf das Plakat schreiben wir dann „Wir trauern um unsere Bildung“ Ich wollte auch noch mal einen Vorschlag hervorbringen „ Wir nehmen einen Wecker – so nen alten – da machen wir dann ne Rasierklinge dran und der schneidet das Seil durch.“ „ Viel zu teuer“, gab Christian zu bedenken, „so ein Wecker kostetet vorneweg mal 20 Ökken.“ Ich muss anfangen einfacher zu denken. „Ja okay, hast ja recht. Ich hab aber noch eine Idee. Wir kaufen ein Spannbetttuch und ziehen das über das Auto vom höchsten Tier des Abends. Drauf kommt dann „Wir lassen uns nicht bespannen“ oder besser „Gepfändet, das Volk“ und drunter unser Logo.
Mittlerweile hüllte sich der Raum in einen weißen Nebel. Eine Mischung aus Tabak und Graß, wunderbar sanft und faszinierend zu betrachten. Wie er sich in der Luft schichtet. Wie er alles verschleiert. Hinter diesem Vorhang sieht die Welt gar nicht mehr so gemeingefährlich aus wie sie eigentlich ist. Kiffen stoppt die revolutionäre Energie der Jugend.
In der Nacht begleitete mich ein unruhiger Schlaf. Neue Ideen, Neue Aktionen. Doch umso weiter ich mein Gedankenkonstrukt aufbaute, umso bitterer wurde auch der Nachgeschmack. Ein bitterer metalischer Nachgeschmack der Angst. Wie wenn man vor lauter Fieber diese wunderbaren Fieberträume bekommt, die einen zu erdrücken versuchen und am nächsten Morgen nur den Geschmack eines Silberlöffels hinterlassen. Man weiß, dass sie da waren, doch nun sind sie wieder weg.
Dieser Geschmack jedoch ließ sich auch durch das morgendliche Zahnpflegeprogramm nicht entfernen. Egal wie sehr ich meine Zunge mit den guten alten Synthetik-Borsten scheuerte. Also raus aus dem Haus, ins Auto rein und die erste Kippe anzünden. Zehn Minuten später aus dem Auto raus, die nächste Kippe an und mit dem letzten Zug das Gehirn ausschalten. Nun nur noch ein paar Meter hirnlos vorantreiben und in den Unterrichtsraum fallen lassen.
Von allen Seiten werfen sie Seile über mich, versuchen mich nieder zu drücken. Dicke, teure, schwere Seile. Sie verknüpfen sich, bilden ein riesiges, tonnenschweres, Milliarden teures Netz, das mich erdrücken soll. Doch ich bin stärker, versuche mich loszureißen. Da drücken die Weber das Netz herunter, und ich stürze. Der harte graue Asphalt auf dem schon millionen von Rettern zerbrachen, den schon millionen Kapitalisten mit den Füßen traten. Die graue anonyme Massen Ich schreie die tausend namenlosen Sklaven an. “Ist es das was ihr wollt?” Die ersten lassen los und denken nach, aufrichten kann ich mich noch immer nicht. Ich schreie weiter “seid ihr nicht genau so vom Netz gefangen wie ich?” Und weitere lassen los. So habe ich gerufen, rufe und werde immer rufen um eines Tages unsere Fesseln in einem Freudenfeuer zu verbrennen. Um eines Tages frei atmen zu können. Um eines Tages Ruhe zu finden, in einer Welt in die ich es verantworten kann, Kinder zu setzen.
„Ist irgendwas Thorsten?“, fragt die Lehrerin. Ich blicke sie entsetzt an und weiß gar nicht was sie meint. Wo bin ich überhaupt? Am gleichen Ort wie jeden Montagmorgen. Die ersten beiden Stunden, Deutsch LK bei Frau Kiepenheuer-Witsch, der Kiwi-Frau. Umgeben von Frauen. Nicht der angenehmen Art, mit der man sich angeregt unterhalten kann, ein Gespräch mit Inhalt führen kann. Bis auf ein paar ausnahmen hirnlose pinke Zombies. Big Brother, Bauer sucht Frau, Desperate Housewifes… alles zerfasert nach und nach das Gehirn. Berthold Brecht übrigens auch. Wie blauäugig ich war, ich bin es immer noch, aber nun im faktischen und nicht mehr im metaphorischen Sinne. Büchner, Goethe und Kafka. Drei Lichtblicke auf einer langen Durststecke. Irgendwas sollten wir demnächst auch mit der Person anstellen die sich den Abitur-Lektüren-Kanon ausgedacht hat und mit denen auf deren Kappe das restliche System geht erst recht. Bilden Pädagogen aus und lassen sie dann ungebremst auf arme junge Bürger los. Unterwerfen, Rückgrat zerbrechen, schneller, schleimiger, beschissener.
Ein stupides weibliches Kichern wirft mich aus meiner Planung zur schnellstmöglichen Reformierung des Schulsystems- und zwar eine richtige Reformation, nicht eine G8 Adaption die in der Steigerung der Selbstmordrate von Kindern endet; 12 Jahre alt, ausgebrannt wie ein 59 jähriger Börsenmakler; Lang lebe die SPD-.
Der Gong erlöst mich. Die erste Stunde wäre geschafft. Jetzt erst mal eine rauchen gehen. „Rochen fetzt“.
Das gleiche nun noch Sechs mal und schon ist ein weiterer Tag ohne Magengeschwür geschafft.
Der Winter zieht langsam ein. Es wird kälter. In den Herzen der Menschen und auch draußen auf der Straße. Die Wahlen stehen also bevor. Ich fahre durch meine Stadt und von allen Seiten werden meine Augen und mein gesunder Menschenverstand beleidigt. Wahlsprüche die sich gewaschen haben – oder mal waschen sollten.
Irgendwie ist alles immer gleich. Man kann die Charaktereigenschaften der Menschen im direkten Umfeld problemlos auf die gesamte Bevölkerung übertragen – hört auf zu schreien, ihr seid nicht so individuell wie ihr gerne wärt, ihr seid alle Menschen; auch wenn man es nicht glauben will. Alle hauen sie sich die Köpfe ein. Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Lieber Hobbes, einen Fehler hast du gemacht, der Mensch ist zu dumm um eines Tages in Frieden zu leben.
Was den Menschen fehlt ist die Menschlichkeit. Der gesunde MENSCHENverstand und den bringen wir ihnen wieder zurück.
Wieder einmal zog es uns an den Ort unserer ersten Sitzung. Diesmal erinnerte es an einen lustigen Bastelabend der Grundschule. Wir laminierten, schnitten und rauchten.
„Der Entwurf ist ja ma richtig geil Christian“, sagte ich. „Man tut was man kann, meinst du das können wir auch gut sprühen Jürgen?“ „Klar, müssen nur aufpassen, dass uns die Farbe bei der Kälte nicht einfriert und, dass niemand durch das Klimpern der Kugeln wach wird.“
„Auch kein Problem, fahren wir halt mit dem Auto und schüttelt sie auf der Fahrt.“
Die Zeit verging wie im Flug, alles war bereit. Schablonen, Spraydosen und ein Plan.
Wir steuerten unseren ersten Punkt an. Die laute Musik im Auto von Birdy Nam Nam erinnerte an einen Actionfilm. Alles wurde unwirklich, die gesamte Aktion, ein Ausbruch aus dem Bürgertum, ein übertreten der gesellschaftlichen Grenze, Sachbeschädigung an Gemeingut. Ganz nüchtern betrachtet war unser Plan es nur unsere eignen Plakate zu korrigieren. Schließlich zahlen wir Steuern und von den Steuern bezahlen die Parteien ihre Plakate, also sind es unsere Plakate und jeder darf wohl noch entscheiden, wie er sein Plakat gerne gestalten möchte.
Wir kamen an und stiegen aus dem kleinen Opel Corsa aus. Um den Eindruck zusammenzufassen: Clownsauto, vier Männer aus einem kleinen Auto. Wir trugen schwarz, Mützen, hochgerollte Sturmhauben und gelbweiße Einweghandschuhe, solche aus dem Verbandskasten. Drei sicherten die Straßen ab, der vierte sprühte.