Umwege von Klaus Kaffenberger

„.. holt bitte eure Hausaufgaben heraus und legt sie auf den Tisch, ich gehe gleich herum und kontrolliere sie.“
Montagmorgen, ich sitze in der Schule. Dem müde lauschend, was die Person dort vorne an der Tafel erzählt. Doch bereits das Wort Hausaufgaben reißt mich aus meinem dämmerlichen Zustand. In der Feierlaune des vergangenen Wochenendes habe ich glatt vergessen sie zu erledigen. Klipp klapp klipp klapp Immer lauter höre ich die Absätze meiner Lehrerin. Gleich wird sie hier sein und aufschreiben, dass ich meine Hausaufgaben nicht erledigt habe. Klipp Das darf nicht passieren, nicht schon wieder. Klapp Hektisch beginne ich nach einem Ausweg zu suchen. Ich sehe nach rechts, doch dort ist niemand; ich sitze am Fenster. Schnell schaue ich nach links. Ich sehe Sven, langsam dreht er sein Heft auf dem Tisch herum, bereit es kontrollieren zu lassen. Klipp Im Handumdrehen ziehe ich meinen Block hervor und beginne in krakeliger Schrift abzuschreiben. Nummer eins a... geschafft.. eins b... in Eile verwischt mein Ärmel das gerade Geschriebene, doch egal. Einfach nur weiter schreiben. Ich setze an zur letzten Ziffer „schreibst du gerade deine Hausaufgaben ab!?“ ein paar Worte stammelnd sehe ich nach oben. Frau Schmidt steht direkt vor mir. „Nein, ich.. ähm.. ich.. habe nur die Lösung vervollständigt. Hier sehen sie, ich habe einen Satz ergänzt, damit es schlüssiger wird“. Doch da greift sie schon nach dem Block und sieht auf dem ganzen Blatt den Glanz der frischen Tinte.

Mittlerweile ist es 13:30 Uhr und ich befinde mich auf dem Heimweg. Nach langem Hin und Her konnte ich einen Deal aushandeln. Ich bereite für nächste Stunde ein Referat vor, das meine Negativvermerke ausgleicht. Doch ich darf das Thema nicht selbst wählen. Sie gibt es mir vor: dasselbe, zu dem als Hausaufgabe Stichpunkte gemacht werden sollten. Sie meinte, wenn ich das schon nicht gemacht habe, solle ich es als Vortrag tiefgreifender ausarbeiten. Denn es sei sehr wichtig. Doch kann ich damit nichts anfangen. Damit, der Propaganda des 3. Reiches.
Zuhause angekommen setze ich mich gleich an meinen Computer. Ich bin immer noch müde, und jetzt auch noch erschöpft. Doch will ich mir zumindest kurz anschauen, womit ich mich beschäftigen muss. Ich öffne die Suchmaschine Google und tippe die Worte ein. Bereits unter den ersten Treffern finde ich Wikipedia. Diese Seite hatte mir bereits in einem anderen Referaten viele nützliche Inhalte geliefert. Ich beginne mich etwas zu freuen, öffne den Link, und starre auf eine Wand voller Text. Ich scrolle herunter, doch er scheint kein Ende nehmen zu wollen. Dahin war die geringe Freude schnell fertig zu sein. So schnell wie sie kam, verschwand sie wieder. Da muss es doch noch 'was Kürz'res geben. Mit dem Gedanken kehre ich zu den Suchergebnissen zurück.
Nach ein paar erfolglosen Links gelange ich auf Youtube. Dort blinken mir hunderte Videos mit meinem Gesuch entgegen. Ich kann es gar nicht glauben, nach den Pleiten zuvor. Erneut macht sich Freude in mir breit. Das ist ja noch einfacher als Wikipedia – nichts lesen, nur Filme anschauen. Die Auswahl ist nahezu riesig. Es gibt zeitgenössische Fotografien von Wahlplakaten sowie Ausschnitte aus Zeitungen. Sogar original Radiomitschnitte von Volksansprachen finde ich. Größer kann mein Glück kaum sein. Mit diesem Material würde ich im Handumdrehen ein erstklassiges Referat machen können. Klick klick klick. Video um Video öffne ich, gespannt mir den Inhalt anzusehen. Doch was ist DAS?! Kein Video zu sehen. Stattdessen nur ein roter Balken mit schwarzer Schrift, der mir mitteilt, dass dieser Film in meinem Land nicht verfügbar ist. Völlig entsetzt schließe ich diese Seite und öffne sie daraufhin erneut, in der Hoffnung nur einem Fehler aufgesessen zu sein. Doch immer wieder das gleiche Bild. Ernüchterung macht sich in mir breit. Ich gehe auf meinen Balkon, stecke mir eine Zigarette an, und nehme einen tiefen Zug. Dabei kommt mir eine Gedanke: Zensur.
Nach einigen Minuten des Nachdenkens kehre ich geläutert an meinen Computer zurück. Die noch offenen Youtube Seiten beende ich – mit ihnen die Hoffnung auf eine schnelle Ausarbeitung. Dann beginne ich von vorn. Ich öffne Google und tippe einige Worte ein, klicke auf Suchergebnisse, nur um sie kurz darauf mangels passendem Inhalt wieder zu schließen. Wieder und wieder. Zwischendurch verändere ich meine Suchworte. Mal ein neues Wort dazu, mal ein altes Wort weg, sodass immer wieder neue Ergebnisse erscheinen.
Nach geraumer Zeit passiert jedoch etwas Merkwürdiges. Ich bestätige eine neue Suche, doch die Internetanwendung zeigt mir keine neuen Ergebnisse, nein, sie beendet sich. Ohne dass ich es veranlasste. Doch damit nicht genug, mein gesamter Computer beginnt herunterzufahren. Ein Programm nach dem Anderen wird geschlossen, und schließlich blinkt das orange Licht – der PC ist aus. Als hätte jemand ihn heruntergefahren, jemand Drittes. So etwas Merkwürdiges ist mir vorher noch nie passiert. Verdutzt schaue ich mich um. Nach einem Moment starte ich den Computer wieder, doch ein merkwürdiges Gefühl bleibt in mir.
In einem Ordner habe ich einige gute Suchergebnisse abgespeichert. Ich habe Glück, sie sind noch vorhanden. Also wieder ran an die Arbeit. Zuerst erstelle ich ein Deckblatt, sowie das Inhaltsverzeichnis. Da ich mich nicht gleich für ein passendes Layout entscheiden kann, zieht sich dieser Schritt in die Länge. Doch nach etwas 15Minuten sind die ersten zwei Seiten fertig. Ermutigt von dem Teilerfolg begebe ich mich wieder auf die Suche nach neuen Inhalten. Dieses mal scheine ich mit meinen Suchbegriffen eine Goldgrube gefunden zu haben. Es wimmelt förmlich von passenden Ergebnissen. Ich beginne wild herauszuschreiben, ganz euphorisch, nun doch bald fertig zu sein. Doch dann.. Die Internetanwendung schließt sich, das Schreibprogramm schließt sich, und ein nach dem anderen Programm beendet sich selbst, bis der Computer heruntergefahren ist – schon wieder! Schon wieder in so kurzer Zeit. Ich verstehe die Welt nicht mehr, mein Computer hatte doch noch nie ein Problem gehabt. Er hatte noch nie einen Hardwareausfall, keine Virenprobleme oder Spywarebefälle. Ich habe immer meine Schutzsoftware auf dem allerneusten Stand gehalten. Mir erschließt sich der Gedanke, dass es mit meinen Aktivitäten zusammen hängen muss. Ich habe früher nie recherchiert, schon gar nicht über so ein sensibles Thema. Als ob jemand verhindern will das ich mehr erfahre.
Enttäuscht und wütend über den Misserfolg zu gleich, setze ich mich vor den Fernseher. Mittlerweile ist es 19:55 Uhr, gleich fängt das Abendprogramm an, doch zuvor sehe ich noch die Nachrichten. Dort ist die Rede von einer neuen „Schutzmaßnahme“ von ganz oben. Noch an diesem Abend soll die Regierung über ein neues Gesetz abstimmen, mit dem die Inhalte von bedenklichen Internetseiten durch ein rotes Stoppschild versperrt werden. Da kommt mir wieder der Gedanke vom Nachmittag in den Sinn: Zensur.
Die Nacht ist vergangen, ich begebe mich auf den Schulweg. Unterwegs höre ich im Bus zwei ältere Männer aufgeregt reden. Sie halten eine Zeitung in der Hand, die in großen Lettern verkündet, dass die Regierung das Gesetz nun durchgesetzt hat. Doch ich bin noch zu müde, um mir darüber Gedanken zu machen.
Als ich am Nachmittag nach Hause komme, gehe ich gleich an meinen Computer, starte ihn und öffne das Internet- und Schreibprogramm. Dazu will ich den Ordner mit den Rohdaten öffnen, doch ich finde ihn nicht. Dabei war ich mir doch sicher wo ich ihn gespeichert habe. Ordner um Ordner beginne ich ihn zu suchen, doch er ist spurlos verschwunden. Als hätte ihn jemand gelöscht. Doch außer mir war niemand an diesem PC. Als wäre der Ordner durch einen Fremdzugriff gelöscht worden, einen Fremdzugriff über das Internet.
Nun sichtlich frustriert beginne ich von neuem, schließlich hängt von dem Referat meine Note in erheblichem Maße ab. Ich versuche mich an den genauen Wortlaut meiner erfolgreichen Suche zu erinnern. Doch es gelingt mir nur zum Teil, sodass erneut viele unbrauchbare Ergebnisse erscheinen. Dann fällt es mir wie ein Stein vom Himmel, der Wortlaut, ich weiß ihn wieder. Schnell tippe ich ihn ein, und sehe sogleich die vielversprechenden Ergebnisse, die ich zum Teil vom Vortag kenne. Eines öffne ich sogleich, um erneut die Daten möglichst genau niederschreiben zukönnen. Doch was ist DAS?! Statt der Mitschrift einer Radio-Volksansprache sehe ich nur ein rotes Stoppschild. Ich erinnere mich an die Zeitung. Das muss durch dieses neue Gesetz verursacht worden sein. Doch wieso hier? Wieso ist dieser Inhalt von einer „Schutzmaßnahme“ betroffen? Noch während ich mir den Kopf zerbreche, öffne ich den nächsten, vertraut klingenden Link. Zu allem übel erscheint auch hier dieses Zeichen. Mein Referat kann ich nun vergessen. Stattdessen schwirrt wieder dieses eine Wort in meinem Kopf umher: Zensur.