Impulse von Marleen Pauls

Ich schlage die Augen auf und glaube für wenige Sekunden, Diana zwei Meter von mir entfernt, noch im Halbschlaf, röchelnd atmen zu hören. Vor sechs Monaten wäre ich jetzt leise aufgestanden, hätte die Bettdecke über mein Kopfkissen und die Vorhänge an die Ränder des Fensters gezogen, hierbei schützend vor dem einfallenden weiß blendenden Licht, aber die morgendliche sanfte Wärme genießend die Augen geschlossen und mich gefreut, so nicht den Stacheldraht vor unserem Fenster und über dem Zaun vor dem Gebäude sehen zu müssen. Ich wäre zu Dianas Bett rübergetapst, hätte sanft an ihrem Laken gezupft und ihr zugeflüstert: „Du hast noch zwanzig Minuten Zeit!“. Ich hätte mich umgezogen und wäre zur Tür gegangen, deren Verriegelung seit sechs Uhr wieder aufgehoben wäre und hätte dabei routiniert zu der großen Glaswand gegenüber unseren Betten geblinzelt und meinen Blick beim Erhaschen eines Augenpaares in einer Ritze des Rollos bedacht wieder abgewandt.
Während ich daran denke, stemme ich mich kraftlos von meiner Matratze hoch. Ich stehe leise auf, ziehe die Bettdecke über mein Kopfkissen und die Vorhänge an die Ränder des Fensters. Ich muss die Augen schließen. Das Licht blendet, aber es ist nicht warm. Ich tapse zur Tür. In meinem Zimmer steht kein weiteres Bett. Und Diana ist auch nicht hier. Sie ist wieder dort, wo sie damals abgeholt wurde, genau so wie ich jetzt dort bin, wo ich damals abgeholt wurde. Ich beginne wie jeden Morgen meine Wohnung nach Veränderungen abzusuchen. Dabei mache ich mir Tee. Nervös rücke ich das Radio gerade, öffne die Schubladen in der Küche, überprüfe die Lage des Besteckes und der Teller, öffne den Kleiderschrank, steige hinein, prüfe, wühle, steige heraus, rücke die Blumentöpfe zurecht, prüfe, wühle in der Erde. Mit schmutzigen Händen gieße ich das kochende Wasser über den Teebeutel in die Tasse und schwarzbraune Erdbrocken bröseln auf die Ablage. Ich führe mir das dampfende Gefäß zitternd an den Mund und sehe zu, wie brühheiße Flüssigkeit in Strähnen über meine Hand läuft und dabei hübsche rote Streifen hinterlässt. An das Zittern habe ich mich gewöhnt. Damals, als ich noch eingesperrt war, haben zunächst nur meine Hände gezittert, dann schloss sich der Rest meines Körpers ihnen nach und nach an; meine Beine begannen zu zittern und ließen bei jedem Schritt Adrenalin durch meine Adern fließen, meine Lunge begann zu zittern und schnitt die Luft in viele kleine Stücke, mein Herz begann zu zittern und verweigerte meinem Gehirn fortab immer dann den Sauerstoff, wenn meine Gedanken ihn am dringendsten brauchten.
„Du wirst dich auch daran gewöhnen“, hatte ich Diana gesagt, „ja, sie sehen alles, was du tust, aber du darfst nur nicht den Verstand verlieren.“ Jetzt bin ich selbst dabei, den Verstand, die einzige mir verbliebene Freiheit, zu verlieren. Ich frage mich, ob Diana es besser gemacht hat. Sie hat damals nur kurz die Augen geschlossen und kaum merklich zur Kamera an der Zimmerdecke genickt und dann die Schultern bewegt, so als würde sie versuchen, die Blicke in ihrem Rücken abzuschütteln, die die Schwester ihr aus der Ecke des Speisesaals zuwarf. Danach sind wir wieder dem uns vorgeschriebenen Tagesablauf gefolgt und haben nicht weiter darüber geredet.
Ich schlürfe meinen Tee und kaue dabei vertrocknetes Brot. Meine Füße trommeln auf dem kühlen Fliesenboden herum, mein Blick huscht durch die Zimmerecken. Jeder dunkle Punkt, jeder Schatten springt mir sofort ins Auge, bohrt sich durch den Sehnerv ins Innere meines Schädels, um mir die bösartigsten und bedrohlichsten Interpretationen aufzuzwingen, dröhnt mir im Kopf und strömt kontrollergreifend durch meine Glieder, die nun noch viel heftiger von krampfhaften Impulsen geschüttelt werden. Ich stopfe mir den letzten Brotbrocken in den Mund und lasse meine rechte Hand tastend über die Unterseite des Tisches fahren, ängstlich nach einem großen Knubbel suchend, der mir, wenn auch lautlos, von den Atemzügen und Schritten erzählen würde, die ich heute mit Zuhörern getan habe. Ich stelle mir vor, wie jede meiner Bewegungen den Zeiger auf ihrem Monitor ausschlagen lässt und die rote Linie ihres Diagramms sich windet. Und wie sie dann mit ernstem Blick alles in meine Kurve eintragen, meine Kurve, und wie sie dieses Blatt dann in meinen Ordner heften, den sie zu den restlichen Ordnern in einen großen, grauen Blechschrank stecken, nur um ihn am nächsten Tag wieder herauszuholen.
Damals, als ich noch eingesperrt war, es muss in den ersten Wochen gewesen sein, habe ich die Schwester mit den hellbraunen Haaren um einen Spaziergang um die Anstaltsmauern gebeten. Sie stimmte zu und ich durfte die mir zugestandenen fünfzehn Minuten frischen Sauerstoff atmend verbringen. Ich war froh, sog die Luft genüsslich ein und aus und konnte trotz der observierenden Blicke der Schwester meinen lebendig gewordenen Bewegungsdrang nicht unterdrücken, sodass ich ein paar impulsive kleine Hüpfer vollführen musste. Ein wenig ärgerte ich mich. Ich wollte, dass sie sich entspannt. Ich begann, von meiner Familie zu erzählen, meinen Geschwistern in Kanada und meinen Eltern aus dem Sauerland. Wie oft ich als Kind umgezogen war und für wie bedauernswert ich den gesellschaftlichen Wandel seit jener Zeit hielt. Ich fragte nach ihrer Meinung, aber sie sagte nichts. Als wir das Gebäude wieder betraten und sie die Verriegelung der schweren Tür im vierten Stock öffnete, sah sie mich kurz und ernst an und sagte: „Sie sind sich bewusst, dass ich das alles in ihre Kurve eintragen muss.“
Ich weiß bis heute nicht, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. Meine damalige Naivität belächelnd stehe ich auf und schiebe den Stuhl im perfekten rechten Winkel an den Tisch. Jede Veränderung werde ich sofort bemerken. Meine Beine tragen mich in die Diele, wo ich hektisch den Mantel von der Garderobe reiße und ihn mir über den Schlafanzug werfe. Zettel, Stift, meine Kamera, Pfefferspray und ein Küchenmesser nehme ich mir wie jeden Tag aus meinem Geheimfach und stopfe sie in die Manteltaschen. Den Schlüssel trage ich schon lange, immer unter Kleidung versteckt, um meinen Hals. Ich drehe mich um und vergewissere mich mit einem letzten Blick, dass die Punkte an der Wand weder Augen noch Glaslinsen sind und stolpere durch die Tür auf den Flur, merke, dass ich meine Schuhe vergessen habe und fahre hastig wieder herum. Nach einigem Versuchen schaffen meine zittrigen Hände es, das Metall ins Schlüsselloch zu manövrieren, ich greife mir meine Schuhe, knalle dir Tür hinter mir zu, hetze aus dem düsteren Hausflur hinaus auf eine noch düstere Straße, wo ich mir unbemerkt die Schuhe überziehe. Es sind recht viele Menschen unterwegs heute. Ihre Gesichter sind so grau wie der Himmel. Mit leerem, fast bewusstlos, nein, unbewusst wirkendem Blick gehen sie alle geradeaus, in geordneten Bahnen. Reibungslos, es gibt keinen Stau. Wie Ameisen, denke ich, während ich mir die Stadt von oben vorstelle. Ich haste ein paar Schritte mit dem Strom, schaue immer wieder zu beiden Seiten und verschwinde, einigermaßen sicher, nicht beobachtet zu werden, in der nächstbesten Seitenstraße. Dort lehne ich mich an die Backsteinmauer, drücke meinen Hinterkopf fest gegen den dunkelroten Stein und atme durch. Ich heben meine Augenlider an, meine Pupillen spähen wie automatisiert zur kleinen silbernen Überwachungskamera schräg über mir und ich stehle mich im toten Winkel an Mülltonnen vorbei durch die Gasse. Ich gehe Richtung Park, bewege mich mit gesenktem Kopf und ungleichmäßigen Schritten über den Bürgersteig, freue mich, als die Menschenmenge abnimmt. An meinem Ziel angekommen werden meine Schritte sofort ruhiger, sobald ich den feinen Kies unter mir leise knirschen höre. Das gelb werdende Laub an den Bäumen rauscht im Wind und erzählt unverständliche Geschichten.
Damals begann es gerade, grün zu wachsen. Diana und ich bekamen davon nicht viel mit, lediglich die große Eiche im Sichtfeld unseres Fensters präsentierte sich uns unfreiwillig stellvertretend für den Rest der Natur. Der Blick auf die Eiche blieb stets unser Heiligtum beim verzweifelten Warten auf die sich nur langsam anbahnende scheinbare Freiheit. Den Kugelschreiber in der Hand, während einer Sitzung über meinen weiteren Verbleib, zog Dr. B. damals den Vergleich. „Unsere Gedanken sind wie Baumkronen“, sagte Dr. B. „Sie haben Äste und Zweige, die in verschiedene Richtungen wachsen. Wenn aber einige Äste in eine unerwünschte Richtung wachsen, müssten sie abgesägt werden, damit alle anderen gesund weiter wachsen können.“
Ich bleibe vor einer Eiche stehen. Ihre Äste hat niemand abgeschnitten. Sie sieht trotzdem gesund aus. Mein Kopf rumort, während meine Hände ungestüm in der Manteltasche wühlen, den Stift und ein zerknülltes Stück Papier herausziehen. Ich setze mich hin und kritzle schreibwütig auf dem Papier herum, muss dabei die Flüssigkeit wegblinzeln, die sich in meinen Augen sammelt. Die schwarzen Schriftzüge schaue ich mir einen Moment lang an, dann beginnen meine Hände, den Boden auseinander zu reißen und an den trockenen Wurzeln der Eiche entlang zu wühlen. Ich fahre kurz mit zwei Fingern über das lebendige Holz, lege dann meinen Brief behutsam zwischen die Wurzeln und schütte das Loch so rasch wie möglich zu. Mich umblickend stehe ich auf, gehe ein paar schnelle Schritte über den Kies und beginne dann zu rennen. Ich hoffe, dass wenigstens der Baum mein Geheimnis für sich behält, renne noch schneller und fühle mich – für einen kur