Zukunft von Jessica Uwira

Mit Angst hatte es angefangen. Alles. Mein Leben, meine Jugend und auch dieser Abend.
Ich hatte Angst, als sie mir an meinem sechsten Geburtstag den Chip einpflanzten. Es wäre notwendig, hatte meine Mutter mir damals erklärt; meine Mutter, die noch aus einer Zeit stammte, in der es genügt hatte, sich mit einem Stück laminierten Papiers auszuweisen. Ich habe ihn einmal gesehen, diesen sogenannten Personalausweis, sie hatte ihn wiedergefunden nach all den Jahren, in denen sie ihn nicht mehr benötigt hatte.
Niemand hatte diese Dinger noch nötig. Man konnte sie so leicht verlieren, und fälschungssicher seien sie auch nicht gewesen, hatte sie mir erklärt.
Das alles klang so unglaublich archaisch für mich damals, als ich beim Überwachungsamt saß und mit Schmerzenstränen in den Augen die geschwollene, rote Stelle unter meinem Schlüsselbein betrachtete. Es brannte höllisch, und es schmerzte noch eine ganze Weile. Die erste Generation der Erkennungschips, auch das hatte meine Mutter mir erklärt, war noch alles andere als ausgereift gewesen, und sie hatte mir die beiden kleinen, wie Zigarettenbrandwunden anmutenden Narben gezeigt, deren Ursprung war, dass ihr Körper zweimal versucht hatte, diesen Fremdkörper wieder abzustoßen.

Mein Körper hat das nicht versucht, seit elf Jahren trage ich den Fremdkörper, auf dem sämtliche Informationen über mich gespeichert sind, über meinem Herzen.
Wir schreiben das Jahr 2034 und ich habe Angst. Meine Freunde, die an diesem Abend mit mir hier in der alten Fabrikhalle herumlungern, haben das auch, ich kann es spüren, doch sie reden nicht darüber, niemand von uns redet je darüber.
Denn sie erfahren alles. Sie – die „neue Polizei“, wie meine Mutter sie nennt, die Männer des Überwachungsamtes, gegründet im Jahre 2015 um für Frieden und Sicherheit in Deutschland zu sorgen. Friedlich ist es wohl geworden – wie sollte es auch anders sein, wenn sich niemand mehr etwas traut? Doch sicher fühlt sich niemand. Niemals. Vor ihnen ist niemand sicher.
Ich erinnere mich, vor zwei Jahren hatte einer meiner Freunde sich wohl erkältet, und in einem hochmodernen, vollüberwachten U-Bahnwagen schüttelte ihn ein heftiger Hustenanfall. Das Seuchenkommando stand an der nächsten Station bereit, um ihn mitzunehmen, seine Proteste, er sei nur erkältet, ignorierend.
Zwei Wochen war er – natürlich rund um die Uhr überwacht, zu seinem Schutz, versteht sich – in einer Box aus Glas untergebracht, bis man ihm endlich glaubte und ihn zurück nach Hause zu seinen Eltern schickte. Als er sich drei Monate später das Leben nehmen wollte, da waren sie da, sie hatten ihn beobachtet, hatten die Akten, die sein Therapeut über ihn führte, eingesehen und ihn verfolgt. Er kam nicht einmal auf das Dach des Hochhauses; vorher nahmen sie ihn schon fest und brachten ihn in die geschlossene Psychiatrie, wo man ihn beobachten und von seinem suizidalen Vorhaben abbringen konnte. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.

Wie durch ein Wunder habe ich es bisher geschafft, unauffällig zu bleiben. Immer ja und amen zu sagen. Mir jedes Husten, jedes Niesen, sogar jedes Lachen in der Öffentlichkeit zu verkneifen, und wenn es fast meinen Kopf sprengte. Wir trauen uns ja noch nicht einmal mehr, uns draußen zu unterhalten, denn wir können nie wissen, wer uns zuhört.
Und heute Abend bringe ich mich und meine Unbescholtenheit in ernsthafte Gefahr. Ich sollte nicht hier sein. Ich hätte meine Neugierde von vorneherein zügeln und zu hause bleiben sollen. Immer wieder sehe ich mich nervös um, immer wieder huscht mein Blick durch das Halbdunkel der Fabrikhalle – was, wenn sie uns gefolgt sind? Was, wenn sie schon warten?
Aber ich sage nichts – wie niemals jemand etwas sagt - und folge nur weiter den anderen, tiefer in das Dämmerlicht hinein. Es ist alles, was wir je gelernt haben: Den Blick senken und den anderen folgen. Gleichzeitig – und ich weiß, ich bin damit nicht allein – werde ich fast wahnsinnig vor Angst. Vor fünfundzwanzig Jahren hätte man noch über uns gelacht, über uns und die Angst vor unserem Vorhaben – wir waren hier hergekommen, um Videospiele zu spielen. Irgendwie war es einem von uns gelungen, tatsächlich eines in die Finger zu bekommen, das nicht bis zur Unkenntlichkeit indiziert und zensiert war. Woher er es hatte und wie er daran gekommen war, wagten wir nicht zu fragen. Plötzlich hörte ich ein knackendes, seltsam deplatziert wirkendes Geräusch und zucke zusammen, in der festen Erwartung, gleich den kalten Lauf eines Gewehres oder zumindest den eines Scanners an meiner Haut zu fühlen, doch nichts passierte.
Es war das Geräusch eines Laptops, der aufgeklappt worden war. Wir alle – fünf Jugendliche im Alter zwischen sechzehn und achtzehn, zwei Jungen und drei Mädchen inklusive mir – starrten auf den sechsten im Bunde, wie er das altmodische Gerät aufbaute, beobachteten ihn mit der Faszination von Menschen, die das erste mal einem wirklich außergewöhnlichen Kunstwerk gegenüberstehen. Er hätte diesen Laptop nehmen müssen, erklärte er leise, mit ehrfürchtiger Stimme, da die neuen direkt mit dem Amt verbunden seien. Dann – und keiner von uns wagte noch, zu atmen, nahm er die DVD zur Hand. Ein selten gewordenes Medium in dieser Zeit, doch robust und zuverlässig, zu hause, da hatte ich eine Menge DVDs und sogar noch einen uralten Player, der einmal meiner Mutter gehört hatte. Alt, aber noch brauchbar. So wie der Laptop. So wie die DVD, die er nun einlegte. Ich schloss die Augen, als das lächerlich plump wirkende Laufwerk ins Innere des Geräts zurücksurrte und begann zu beten.
Beten... mit der Religionsfreiheit war es auch so eine Sache geworden.
2021 hatten sie damit begonnen, die Kirchen zu schließen. Stattdessen gab es jetzt nur noch Ethikzentren, in welche die Menschen kommen und mit freundlichen Pädagogen ihre kleinen Sorgen besprechen konnten. Doch mit ihnen zu beten – das kam nicht in Frage. Religion, so hatte es bereits 2018 gehießen, treibe nur einen Keil zwischen die Menschen, und es sei unabkömmlich für die Sicherheit des deutschen Staates, in jeglicher Hinsicht geeint zu sein. So wurde Religion im öffentlichen Leben also abgeschafft, die einen nahmen es hin, die wirklich gläubigen wanderten aus und die Rebellen, die versuchten, heimlich Hinterhofkirchen zu errichten, verschwanden schnell und diskret von der Bildfläche.
Ich schüttele den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben, öffne die Augen und stimme in das ehrfürchtig anmutende Seufzen der anderen mit ein. Das Bild auf dem Monitor erscheint mir grob und unscharf, und doch so unglaublich faszinierend. Ich sehe Waffen, Blut und mein Herz beginnt zu schlagen. Tief in uns, irgendwo in unseren verängstigten Herzen, tragen wir alle einen Rebellen, der aufstehen, selbst zu den Waffen greifen will, wie die Figur in dem Spiel, und das Amt zerschlagen. Doch niemand wagt es. Sie haben uns im Griff wie Hunde. Geschlagene, gebrochene Hunde, die doch auf die fütternde, strafende Hand angewiesen sind.
Langsam löst sich unsere Starre, und wir alle drängen uns um den lächerlich kleinen Monitor, jeder von uns will spielen, einfach sinnlos töten, irgendwie tragen wir sie trotz unserer devoten Erziehung in uns, diese wilde, ungezähmte Uraggression, die kein Überwachungsamt der Welt je aus unseren Genen würde vertreiben können. Bald rangeln wir sogar ein wenig um den Platz an der klapperigen Tastatur, ebenfalls etwas, das wir nie lernten und doch in unseren Genen tragen, denn sich zu prügeln, fangen zu spielen, all das hatte man uns verboten, es sei Kriegssimulation und damit nicht erlaubt.
Und dann, schlagartig, war es aus mit dem Spaß. Eines der Mädchen schrie plötzlich, und sofort stoben wir auseinander und in verschiedene Richtungen davon. Sie waren da. Sie hatten uns gefunden. Ich nahm die Beine in die Hand, rannte, rannte, als ginge es um mein Leben, und vielleicht tat es das ja auch, denn niemand wusste, was genau mit denen geschah, die erwischt wurden. Resozialisiert hieß es, wieder eingegliedert von denen, deren schwere Schritte ich so grauenhaft dicht hinter mir hören konnte, von denen, die mit rauen Stimmen brüllten, dass wir stehen bleiben, uns ergeben sollten. Eine megafonverstärkte Stimme wehte durch das Fenster, wir sollen widerstandslos herauskommen. Wir kamen heraus. Vier von uns schafften es durch halb blinde Fenster zu springen – die von uns, die sich verletzten, brauchten sie nicht weiter zu verfolgen. Sie würden einfach deren Blut analysieren und sie dann drei Stunden später still und leise aufsuchen und fort bringen.
Ich habe es geschafft. Ich habe mich nicht verletzt, und ich wurde nicht gescannt. Was aus denen, die erwischt wurden, geworden ist, weiß ich nicht und die anderen auch nicht.
Wir haben Angst, danach zu fragen. Angst, die Wahrheit zu hören.