Verborgen von Miriam Müller

Für alle, die mich nicht kennen, hier ein kleiner Einblick in mein Leben, sozusagen als amüsante Anekdote, wie ironisch das Leben doch sein kann:

„Ich habe nichts zu verbergen!“, hatte ich Daniel noch vor wenigen Wochen amüsiert entgegengehalten, als er wieder einmal von dem Thema angefangen hatte. „Gläserner Bürger“, dass ich nicht lache. Einfache Worte, mit denen er versuchte, mich zu verunsichern und auf seine Seite zu ziehen. Das dachte ich damals.
„Stell dir doch mal vor, da sitzt einer wie in „Das Leben der Anderen“ und hört zu, wie du mit Jens telefonierst. Oder liest, was du mit Florian schreibst. Oder mit Anna.“, hatte er versucht, mir klar zu machen, was ihn an Dingen wie der Vorratsdatenspeicherung störte.
Dabei war die Wahl schon gelaufen; selbst wenn er mich umgestimmt hätte; mein Kreuz hatte ich vor zwei Jahren gesetzt. Nichts zu ändern.
Und auf die nächste Wahl mussten wir ja noch eine Weile warten. Damit die Regierung Verbesserungen nicht nur beschließen, sondern auch durchsetzen konnte, war die Legislaturperiode verlängert worden. Zwei Jahre wurden für Planung und Abstimmung über neue Gesetzesentwürfe und ähnliches veranschlagt, zwei weiter Jahre für die Umsetzung. Die letzten zwei Jahre wurden für den Wahlkampf und das Regieren genutzt. So in etwa. Ich hatte nicht genau zugehört, als Daniel darüber geredet hatte. Politik hat mich nie interessiert. Ich muss nicht wissen, wie ein Gesetz ausgelegt werden kann; dafür gibt es Anwälte.
Eigentlich bewundernswert, dass Daniel nicht schon längst aufgegeben hat, mit mir über solchen Quatsch zu reden; er weiß, dass ich mich nicht dafür interessiere, was politisch gerade los ist. Hauptsache ich kann mein Studium abschließen, werde weiterhin für meinen Nebenjob bezahlt und fliege nicht aus meiner Wohnung. Mehr will ich nicht. Außer vielleicht den Weltfrieden.
Aber ich schweife ab. Wo war ich stehen geblieben?
Ach ja: Daniel hatte versucht, mich mit einem Vergleich aufzuklären. Das Leben der Anderen.
Was für eine Idee. Ich machte ja nichts Illegales. Ich lud keine Dateien aus dem Internet herunter, ich suchte keine Bombenbastelanleitungen und ich hielt Kinder für nervig und nicht für erotisches Material. Und ich plante auch nicht, aus Deutschland zu „fliehen“ oder eine politische Hetzschrift zu verfassen. Ein schlechter Vergleich also. Und das sagte ich ihm auch.
„Für mich hat sich nichts geändert. Vor allem nicht zum Schlechteren. Das einzig Neue ist, dass meine ID-Karte jetzt auch mein Studentenausweis, Zugticket, Führerschein und Bankkarte ist. Was soll denn daran schlecht sein? Weniger Papierkram, weniger Müll, weniger Bürokratie. Behaupte du nur nicht, du hättest lieber wieder diesen riesigen Perso, der in kein normales Portemonnaie passt und zusätzlich noch fünf, sechs Plastikkärtchen, die du irgendwo unterbringen musst.“, schloss ich das Thema ab und drehte ihm den Rücken zu, um meinen Salat an der Kasse der Mensa bezahlen zu können.
Praktisch und bargeldfrei mit meiner ID-Karte.
Das war vor drei Wochen gewesen. Und an meiner Meinung hat sich nichts geändert. An der seinen genau so wenig.
Unserem gemeinsamen Vergnügen tut das keinen Abbruch. Abgesehen davon, dass er meinen Laptop zuklappt, bevor wir im Bett verschwinden schlägt sich seine Paranoia auf keine Weise in seinem Verhalten nieder. Manchmal mache ich mich darüber lustig, dass er vor dem kleinen Auge der Webcam an meinem Laptop Angst hat. Er lächelt jedesmal nur und zwinkert mir zu. Beim nächsten Mal klappt er den Laptop trotzdem wieder zu.
Als würde irgendwer sich in meinen Laptop hacken, um zuzusehen, mit wem ich Sex habe.
Aber ich schweife schon wieder ab. Meine Libido und ich, wir sind ein schreckliches Gespann.
Aber es war weder meine Schuld noch die meiner Libido, dass ich vor ein paar Tagen bei meinem Hausarzt saß und mir eine Überweisung zum Orthopäden ausstellen ließ.
Das erste Mal seit über sieben Jahren, dass ich zu einem fremden Arzt musste. Außer den vier Grundpfeilern meiner medizinischen Laufbahn (Hausarzt, Frauenarzt, Zahnarzt und Augenarzt), hatte ich nur einmal eine kleine Eskapade mit einem HNO-Arzt gehabt. Verdacht auf Mittelohrentzündung. Und jetzt musste ich zum Röntgen, zu einem fremden Arzt und das alles auch noch ganz alleine. Wunderbar.

Aber wenigstens etwas: schlimmer kann es kaum noch kommen.

Dachte ich.

„Es tut mir leid, aber wenn Sie nicht versichert sind, müssen Sie Ihre Rechnung selbst begleichen und es ist offensichtlich, dass Sie dazu zur Zeit nicht in der Lage sind. Also können wir Sie nicht behandeln.“, erklärte mir die Arzthelferin geduldig und drückte mir meine Karte wieder in die Hand.
Verwirrt blickte ich auf meine ID-Karte. Ich war sicher gewesen, dass auch meine Versicherung über diese Karte geregelt werden würde.
Schnell kramte ich mein Portemonnaie aus der Tasche und durchforstete es nach einer Versicherungskarte.
„Sie brauchen nicht zu suchen, die ID-Karte dient auch als Versicherungsausweis. Ihre Versicherung hat Ihnen Ihre Mitgliedschaft gekündigt, mehr ist nicht. Versichern Sie sich neu und alles ist erledigt.“, unterbrach die Arzthelferin meine Suche und wandte sich dann dem nächsten Patienten zu.
Gekündigt?
Meine Versicherung hatte mich gekündigt?

Entsetzen schlich sich an die Stelle der Furcht vor dem neuen Arzt. Ich war nicht mehr krankenversichert. Ich verdiente bei weitem nicht genug, um mir auch nur einen Tag Krankenhausaufenthalt leisten zu können, geschweige denn einer Therapie. Und sei es wegen eines verstauchten Knöchels.
Sehr vorsichtig und bedacht machte ich mich auf den Heimweg. Doch bereits nach der Hälfte der Strecke kam mir ein Gedanke, der das Entsetzen durch Wut ersetzte.
Ich hatte keine Benachrichtigung bekommen! Meine verdammte Versicherung hätte mich ja wohl informieren müssen.

Beim Essen checkte ich wie immer meine Emails, überflog den Inhalt des Spam-Ordners und verschluckte mich prompt an meinen Cornflakes.
„Betreff: Beendigung des Versicherungsverhältnisses“
Nachdem ich mich von meinem Hustenanfall erholt hatte, griff ich sofort zum Telefon und rief meine Versicherungsagentin an.
Sie hatte sogar noch einen Termin am selben Tag frei, was für mich, die ich ja den ganzen Tag für den Aufenthalt beim Arzt verplant hatte, sehr praktisch war.
Zwei Stunden später saß ich mit Fr. Zintlober am Küchentisch und begriff die Welt nicht mehr. Angeblich hatte ich eine Email bekommen, die mich aufklärte, dass mein Versicherungsschutz zu Beginn des Monats endete, da ich versäumt hätte, meinen Dauerauftrag zu ändern. Meine Versicherungsprämie habe sich erhöht. Auch darüber war ich per Mail informiert worden. Angeblich.
Mein Beitrag sei teurer geworden, weil ich zur Gruppe der „Risikopatienten“ zählen würde.
„Was meinen Sie denn bitte damit? Risikopatienten. Ich rauche nicht, ich habe kein HIV, ich gehe regelmäßig zu jeder Vorsorgeuntersuchung und habe seit drei Jahren maximal eine kleine Erkältung gehabt. Wo bin ich denn Risikopatientin?“, erkundigte ich mich verblüfft, nachdem ich über die Frustration hinsichtlich des Mail-Chaos hinweg war.
Frau Zintlober bekam einen leichten Rotschimmer auf den Wangen und beugte sich über die Formulare auf dem Tisch.
„Nun da ist zum einen die Tatsache, dass sie viel...“, sie zögerte kurz, schien dann ein unverfängliches Wort gefunden zu haben und fuhr fort, „…unterwegs sind. Sie gehen auf Festivals, in Clubs, auf Konzerte. Dies alles sind Risikofaktoren. Dort besteht eine erhöhte Gefahr von Verletzungen durch Unfälle. Hinzu kommt die Tatsache, dass auf vielen derartigen Veranstaltungen Drogen und Alkohol in erhöhtem Maße konsumiert werden und Sie dadurch ebenfalls zum Konsum angeregt werden könnten.“, sie holte kurz Luft und wurde noch eine Spur roter.
„Der Hauptgrund, wieso wir Sie nicht länger zum gewohnten Preis versichern können, ist Ihr, nun ja, ausschweifendes Sexualleben. Sie hatten in den letzten drei Wochen Sex mit vier verschiedenen Partnern, so etwas ist unverantwortlich. Eine Rücksprache mit ihrer Bank hat ergeben, dass sie seit über einem Monat keine Kondome mehr gekauft haben. Was darauf schließen lässt, dass Sie den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten nicht ernst nehmen!“
Sie redete noch eine Weile weiter darüber, wie unverantwortlich ich doch in sexueller Hinsicht sei, doch mein Blick klebte auf dem Formular vor ihr fest.
„Nicht versichern bei >4 Sexualpartnern in einem Zeitraum von 21 Tagen“ stand dort.
Ich schaffte es gerade noch, ihr zu versichern, dass die Männer, mit denen ich verkehrte, die Kondome mitbrachten und sie mit dem Versprechen, meine säumigen Zahlungen nachzuholen zu verabschieden, bevor ich erleichtert zusammensackte.

Daniel sah von seinem Stück Torte auf und wischte mir einen Klecks Sahne von der Lippe.
„Womit hab ich denn die Torte verdient?“, erkundigte er sich.
Ich lächelte schwach.
„Als Dank dafür, dass du den Laptop immer zuklappst.“